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Kulturwandel für Nachhaltigkeit

  • Art Summer in the City

    Annette Schönholzer und Marc Spiegler, Direktorin und Direktor der Art Basel, sind jetzt wohl in den Ferien. Denn ihre hiesige Show ist vorbei und ihre nächste, die Art Basel Miami Beach, noch Monate entfernt. Die letzten Reste der Kunstmesse sind zusammengekehrt und die leeren Hallen dösen im Sommerschlaf. Eine knappe Woche hat das Spektakel gedauert, das Basel in eine temporäre Weltstadt verwandelte.

    Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey mit Art-Direktor Marc Spiegler (rechts, mit rotem Notizbuch) und Art-Direktorin Annette Schönholzer (links, ganz in weiss) sowie weitere Prominenz an der Eröffnung der Art Unlimited 2011: Documenta-Qualität für bloss sechs Tage.

    Und nun? Die schöne, ruhige Zeit ist angebrochen, sagen manche. Nächste Woche soll auch die Hitze zurückkehren, die uns in der Rheinebene flimmernde Nachmittage beschert und zuweilen schwer in den Strassen lastet. Kultur ist dünn gesät. Das Tattoo ist nicht jedermanns Sache und das Stimmen Festival kaum abendfüllend.

    Wie wäre es mit einer aktuellen, hochkarätigen, jeden Sommer neuen Kunstausstellung? Teuer käme Basel ein solcher globaler Anziehungspunkt nicht zu stehen: Es würde reichen, die spektakuläre Art Unlimited (inklusive ihrer Kunstwerke im öffentlichen Raum) stehen zu lassen und über den Sommer zu bewachen, zu versichern, zu bewerben und vielleicht mit einer kleinen, gescheiten Veranstaltungsreihe zu ergänzen.

    Dies würde nicht bloss die Hoteliers freuen, sondern auch für Daheimgebliebene eine Lücke füllen, die wir alle empfinden: Das Loch nach der Art. Darüber hinaus – und vielleicht in erster Linie – könnte der Basler Kunstsommer Ausgangspunkt für neue Veranstaltungs-Formate und eine inhaltlich innovative Stadtentwicklung sein.

    Anderswo gibt es in der heissen Jahreszeit erfolgreiche Theaterspektakel, Sommernachtsfeste, Sommerfestspiele, Openairs, Skulpturen in Parks, Filmfestivals, Biennalen und vieles mehr. Neben Erbauung und Unterhaltung zählen dabei vor allem die Wertschöpfung und der Imagegewinn.

    Harry Szeemann war der künstlerische Direktor der Kasseler Documenta 5 von 1972. Sie ist heute noch legendär für ihre Symbiose von Kunst und Öffentlichkeit.

    Ein gescheit kuratierter Kunstsommer, wie ihn Basel durch die Verlängerung der Art Unlimited zu bieten hätte, würde weiter reichen. In Zusammenarbeit mit den vertretenen Galerien könnten die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler eingeladen werden, inhaltliche Beiträge zur Stadt (im Speziellen oder Allgemeinen) zu erarbeiten und diese in Diskussionen und Aktionen mit dem Publikum zu vertiefen.

    Damit würde die Art für Basel viel mehr leisten, als nur kurzfristiger Marktplatz und Geschäftsanlass zu sein. Und die Kunstschaffenden bekämen ein Forum, das vielleicht am ehesten mit der Kasseler Documenta 5 von 1972 (und der Documenta 6 von 1977) vergleichbar ist. Künstler und Kuratoren wie Joseph Beuys, Harald Szeemann und Jean Christophe Ammann drückten damals diesen Anlässen ihren Stempel auf. Ein konzeptionelles Motto, zum Beispiel „Die Kunst und die Stadt“, liesse sich vielfach variieren und weckte das Interesse weit über die enge, mondäne und in letzter Zeit allzu kommerzielle Art-Familie hinaus.

  • Die Krake des Nullerjahre-Wohnstils

    Roger Diener ist ein erfolgreicher, gescheiter und erst noch gut aussehender Architekt. Solche gibt es einige. Doch hat er darüber hinaus eine Eigenschaft, die manchem abgeht: Er ist selbstkritisch. Das bewies er kürzlich erneut, mit einem Vortrag beim ETH Wohnforum in Zürich. Dort prangerte der Basler nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst an, uniforme, anonyme und letztlich unbewohnbare Wohnungen zu bauen – bloss weil heutige Bauherren diese so bestellen.

    Die schein-heimeligen Holzfassaden des Siegerprojekts für die Überbauung des alten Kinderspitalareals am sonnigen Kleinbasler Rheinufer garantieren noch keine Wohnlichkeit. Die Konzepte des letzten Jahrzehnts haben ausgedient – der Weg in die Zukunft führt über neue Bescheidenheit, sagt Architekt Roger Diener.

    Ausgehend vom Wohnzimmer, das stets riesig sein muss, mit Cheminée und grossen Fenstern bis zum Boden, beschrieb er den Nullerjahre-Allerweltsstil gehobener Neubauten. Als unpraktisch und überinstrumentiert denunzierte er die heutigen Badezimmer, die sich – mit der frei stehenden Badewanne – als Teil des Schlafzimmers inszenieren. Solche Wohnungen könne man praktisch nur mit Designer-Möbeln bestücken, doch letztlich blieben sie seelenlos.

    Basel bekommt neue Stadtteile. Dagegen gibt es Proteste von Familiengärtnern. Die Jugend sieht sich um ihre Freiräume betrogen. Die leider verunglückte Besetzung des alten Kinderspitals war ebenfalls eine Geste gegen das Neue, das dort entsteht. Nun sucht Immobilien Basel-Stadt für die Überbauung einen Investor. Dieser sollte Roger Diener gut zuhören.

    Denn auch dem Kinderspital-Areal droht modernistische Gesichts- und Gemütlosigkeit, trotz äusserlich heimeliger Holzbau-Architektur. Es gibt kaum Diskussionen darüber, welche Qualität Wohnungen wir in den Neubaugebieten wollen oder wie das Zusammenleben in diesen Quartieren aussehen wird. Visionäres, der kommenden Energie- und Raumknappheit Angemessenes, sucht man vergeblich.

    Ein schlechtes Beispiel ist das Erlenmatt-Quartier, wo nicht einmal der Minergie-Standard obligatorisch ist. Eine etwas bessere Leistung in dieser Hinsicht erhoffen wir vom Dreispitz. Die Zukunft liegt vielleicht bei Renovationen oder Genossenschaften, wo nicht die Expansion des Privaten, sondern die Konstruktion des Gemeinschaftlichen – ohne Zwang – im Vordergrund stehen könnte. Aber auch hier scheuen manche Bauherren Neues zu wagen, zum Beispiel mit Nullenergie-Häusern oder fantasievoller Aussenraum-Gestaltung.

    Es sind Banken, Versicherungen und Pensionskassen, welche die heutige Stadtexpansion finanzieren und damit unseren zukünftigen Lebensstil prägen. Viele ihrer Entscheidungsträger wohnen in Vorstadt-Villen mit Doppelgarage und Pool. Dass ein Haushalt mit einem Wohnzimmer von 25 Quadratmetern ebenso glücklich sein kann wie mit 40 oder 60 Quadratmetern, können sie sich vielleicht gar nicht vorstellen. Deshalb ist selbst Roger Diener gezwungen, Grundrisse zu zeichnen, die rasch veralten. Mehr Weitsicht ist gefragt – wer wagt sie?

  • Basel-Zürich in 16 Minuten

    SBB-Chef Andreas Meyer überraschte die Schweiz zum Ferienstart mit einer frohen Botschaft: Dank Investitionen im Mittelland soll die Reise von Zürich nach Bern ab 2025 nur noch 45 (statt heute 56) Minuten dauern. Nebenbei würde auch Basel von den Neubaustrecken profitieren. Die Fahrzeit von Zürich ans Rheinknie liesse sich ebenfalls auf 45 (statt bisher 53) Minuten drücken.

    Verkehrsfragen sind zu bedeutend, um sie den Verkehrsplanern zu überlassen: Ein Express zwischen Basel und Zürich würde die Schweiz umkrempeln und ihr endlich eine echte Metropole bescheren.

    Zwei Mal 45 Minuten Fahrt: Das deutet auf ähnliche Distanzen hin, was aber täuscht. Die Hauptstadt liegt 120 Autobahn-Kilometer von Zürich entfernt, Basel nur 80. Dreisatz für Drittklässler: Wenn die Zugreise von Zürich nach Bern 45 Minuten dauert, müsste die Strecke von Zürich nach Basel in 30 Minuten zu schaffen sein. Und das mit heutiger SBB-Technik. Der neue Zug zwischen Peking und Shanghai braucht für 80 Kilometer jedoch bloss 16 Minuten – dank einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 300 km/h (und Höchstgeschwindigkeit 350). Wenn China das kann, kann das die Schweiz auch. Wenn sie will.

    Die Verbindung der beiden grössten Deutschschweizer Städte in weniger als 20 Minuten wäre bedeutend mehr als eine schnelle Bahn. Ein solches Jahrhundertprojekt dürfen wir nicht von Andreas Meyer erwarten. Er hat sich nur um Verkehrsaufgaben zu kümmern. Dieser Zug würde jedoch die ganze Schweiz umkrempeln. Wir hätten eine echte Metropole, wie alle umliegenden Länder (mit Ausnahme Liechtensteins), also ein neues Angebot für alle, die in der Schweiz und zugleich in einer pulsierenden Millionenstadt leben und arbeiten wollen.

    Die Zwillinge Basel und Zürich würden gemeinsam auf der gleichen Stufe wie Stuttgart, Wien, Milano und Barcelona agieren, nicht nur scheinbar, wie heute, sondern wirklich. Die Angebote für ihre Bewohner würden auf einen Schlag vervielfacht, etwa auf dem Arbeitsmarkt, kulturell, beim Wohnen oder im Sport. Abends von Basel ins Opernhaus? Kein Problem! Ein Lunch mit Zürchern in der Kunsthalle? Fraglos! Der Weg zu den Flughäfen Kloten und Mulhouse – ein Katzensprung für alle!

    Es gibt drei Gründe, weshalb diese völlig realistischen Pläne noch nie ernsthaft diskutiert wurden: Erstens wegen der ewigen Gifteleien zwischen Zürich und Basel. Zweitens, weil die SBB nur Verkehrsplanung machen, während eine Vision für die Schweiz, mit einem weiteren Themenhorizont, praktisch nicht existiert. Und drittens, weil sich Basel bis vor kurzem zu wenig darum gekümmert hat, statt bloss Endstation der SBB ein Knotenpunkt im Europäischen Eisenbahnnetz zu sein.

    Inzwischen ist das Verkehrskreuz erwacht. Die internationalen Bahnen werden ausgebaut, etwa die Rheinschiene und der TGV (selbst Richtung Südfrankreich). Die Schweiz muss aufpassen, dass sie 5,7 Milliarden Franken nicht ins Leere investiert, indem sie einseitig auf die national bedeutsame West-Ost-Achse setzt. Denn der Weg nach Berlin, Frankfurt, Brüssel, Paris und London führt nur selten via Bern.

  • Verkehrte Welt in Stadt und Land

    Hans-Rudolf Gysins Uhr als Politiker ist abgelaufen, sein wichtigstes Projekt gescheitert: Der Direktor der Wirtschaftskammer Baselland war von der Mission beseelt, die Überlegenheit des Modells «Baselbiet» gegenüber dem Modell «Basel» nachzuweisen.

    Finanzpolitik ist der Schlüssel für beide Halbkantone, um die kommenden Jahrzehnte in gegenseitiger Zuneigung zu gestalten: Das Zeitfenster ist vielleicht kurz, aber offen.

    Bei jeder Gelegenheit polterte der abtretende freisinnige Nationalrat gegen den «aufgeblähten Staatsapparat» in der Stadt und die daraus resultierende, angebliche «Steuerhölle». Gegen Lastenausgleichs-Vorlagen führte er ins Feld, der Stadtkanton solle «zuerst seine Hausaufgaben machen». Diese Redeweise nahmen sogar besonnene Stadtpolitiker wie Peter Malama zeitweise auf.

    Noch vor kurzem sandten Oberbaselbieter Gemeindepräsidenten gut gemeinte Spar-Rezepte ans rote Rathaus am Rhein. Heute hat sich das Spiel gedreht: Die vor Gesundheit strotzenden städtischen Bilanzen lassen Liestaler Politiker vor Neid erblassen.

    In den Reihen der Regierungsparteien Basels macht sich über diese unerwartet rasche Wendung verhaltener Hohn breit. Solche Reaktionen sind psychologisch zwar verständlich, nach allem, was der Stadtkanton bis in die jüngste Vergangenheit an Spott hat über sich ergehen lassen müssen. Das Herumstochern in Wunden ist jedoch weder nützlich noch klug. Im Angesicht der ländlichen Misere wäre Besonnenheit der bessere Ratgeber.

    Finanzpolitik ist der Schlüssel für beide Halbkantone, um die kommenden Jahrzehnte in gegenseitiger Zuneigung zu gestalten. Solidarität der Stadt, ohne Herablassung praktiziert, würde jetzt den Weg bereiten für ein gemeinsames, modernes Staatswesen. Dessen Effizienz könnte für die ganze Schweiz Vorbild sein – und das schneller als viele denken.

    Mit einem Beitrag von beispielsweise 50 Millionen Franken pro Jahr in den nächsten drei Jahren an den leidenden Schwesterkanton – sei es als zinsloser Kredit oder als Geschenk – könnte Basel-Stadt Baselland aushelfen, ohne die eigenen Finanzen zu gefährden. Es geht nicht darum, sich die Sympathie der Baselbieter zu erkaufen, sondern um gelebte Solidarität zwischen Nachbarn, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind.

    Wären Basel-Stadt und Baselland ein Kanton, würde genau diese Solidarität automatisch spielen und das ländliche Bildungswesen müsste nicht um seine Qualität bangen. Alle Lehrerinnen und Lehrer, deren Stelle jetzt bedroht ist, blieben im Amt. Denn der Stand Basel ist finanziell stabil.

    Nur der Tatbeweis, eine ausgestreckte Hand, kann den Graben überwinden, der die Wiedervereinigung verunmöglicht. Um unserer Region neue Dynamik zu verleihen, brauchen wir dieses gemeinsame Projekt, ein produktives, politisches Ziel. Der Anstoss könnte heute von Basel kommen. Das Zeitfenster ist vielleicht kurz, aber weit offen.

  • Die wahren Asozialen

    Hanspeter Gass, freisinniger Basler Polizeidirektor, könnte von seiner Landschäftler Partei- und Amtskollegin Sabine Pegoraro einiges lernen. Schade, dass sie jetzt von der Sicherheits- in die Bau- und Umweltdirektion wechselt. In Basel herrscht auf der Strasse zunehmend Anarchie. Wer sich werktags, vor allem vormittags, zum Beispiel durch die Innenstadt bewegt, dem geht unweigerlich der oft skandierte Spruch der 80er Jugendbewegung durch den Kopf: «Bullen sind Nullen.» Mit dem Unterschied, dass sich die Jugendlichen damals die Polizei weg wünschten, wir uns aber heute über Polizeiversagen beklagen müssen.

    Ein Asozialer unter täglich Hunderten: Am Mittwoch von 8-12 an bester Lage gratis parkiert. Kein Wunder, sind die Parkhäuser leer.

    Die Situation gerät ausser Kontrolle: Es sind nicht nur die Trams, die das Zentrum Basels blockieren, wie letzte Woche an dieser Stelle beschrieben. Ebenso zahlreich und gefährlich sind die privaten Karossen, welche sich zwischen legalen An- und Auslieferungsfahrzeugen ducken, stundenlang die Trottoirs okkupieren und damit wesentlich zum Chaos beitragen.

    Neuerdings wird nicht mehr nur der Münsterplatz, sondern sogar der Marktplatz wieder als Parkplatz missbraucht, ganz zu schweigen von zahlreichen Nischen in Nebengassen, zum Beispiel am Münster- und Schlüsselberg, auf dem Rümelinsplatz, in der Bäumleingasse oder beim Tinguely-Brunnen, direkt vor der Kunsthalle. Überall stehen sie zu Dutzenden herum.

    Derweil herrscht im Elisabethen- und Steinenparking oft gähnende Leere. Dem Kanton entgehen sowohl die Einnahmen in diesen und weiteren (staatseigenen) Parkhäusern als auch die Bussen, weil kaum kontrolliert wird. Die Gewerbetreibenden, die tatsächlich etwas umladen müssen, stehen im Stau, während sich Fussgänger und Velofahrerinnen mit Sack und Pack, Kinderwagen und Anhänger, zwischen Abgasen, Lärm und stehendem Blech durchschlängeln.

    Dasselbe Bild zur gleichen Zeit im Zentrum Kleinbasels.

    Die Falschfahrer und -parkierer sind die wahren Asozialen. Ihre Bequemlichkeit geht auf Kosten der Allgemeinheit, obwohl sie sich das Parking locker leisten könnten. Und die Polizei ist entweder überfordert (zu wenig Personal) oder schaut weg. Dabei könnten zusätzliche Verkehrsdienstangestellte ihren Lohn mit einem Bruchteil des brachliegenden Bussen-Potenzials decken.

    Wann reagieren Hanspeter Gass und der Grosse Rat? Sie müssen bloss auf Sabine Pegoraro hören. Wie ein Vermächtnis der abtretenden Polizeichefin tönte es, als sie letzte Woche auf Telebasel das neue, härtere Regime des Baselbiets gegen Verkehrssünder begründete: «Es geht nicht um alle Autofahrer. Wenn sich jemand an die Regeln hält, dann hat er nichts zu befürchten. Wir sind einfach weniger tolerant bei den Bussen als bisher.»

  • Freie Plätze für freie Menschen

    Ulrich Weidmann ist Professor für Verkehrssysteme an der ETH Zürich und hat kürzlich in seiner Heimatstadt Aufsehen erregt, als er vorschlug, im Zentrum alle Tramlinien in den Untergrund zu verlegen. 10 Kilometer Tunnel für etwa 2,5 Milliarden Franken möchte er graben. Damit sollen auf Plätzen und Strassen neue Freiräume für Fussgänger entstehen.

    Damit die alte Liebe zum Tram nicht rostet: Ade «grüne Wand» in der Innenstadt. (Foto: Dominik Madörin, Ettingen)

    Relativiert wird des guten Herrn Weidmanns
    Idee durch seine eigene Einschätzung der Planungs- und Bauzeiten: Er rechnet mit einer Vorbereitungsphase bis 2026 und der Vollendung des Mammut-Projekts gegen die Mitte des Jahrhunderts.

    Kommentar der Architekturzeitschrift «Hochparterre»: «Ob sich Stadt und Kanton Zürich und auch der Bund ein solches Projekt leisten können, ist eine politische Frage. (Lehrstück in Klammern: Bundessubventionen für ein lokales Verkehrsprojekt setzen andere als selbstverständlich voraus.)

    Im Übrigen stimmt «Hochparterre» Weidmann zu: Der öffentliche Verkehr werde in Zürich ohne Entlastung «den Stadtraum immer mehr dominieren». Für Basel gilt das schon lange, vor allem zwischen Theater und Schifflände. Doch am Rheinknie wäre die Lösung nicht erst in 40, sondern schon in vier Jahren zu haben, zu höchstens einem Zehntel der Kosten:

    Als das «Drämmli» noch klein und harmlos war: Basler Marktplatz mit Strassenbahn um 1910 (Postkarte Sammlung H.Ziegler).

    Der erste Schritt ist der Bau eines Tramgeleises durch den Petersgraben. Diese Trasse von vielleicht 400 Metern gab es früher schon mal. Alle Linien, die heute zwischen Barfi und Schifflände verkehren, könnten beim Theater oder am Steinenberg (vor dem Casino) halten. Dann würden sie den Kohlenberg hoch fahren und durch den Petersgraben zum Totentanz beziehungsweise zur Schifflände gelangen, mit Zwischenhalten, welche die Grossbasler Innenstadt erschliessen.

    Der zweite Schritt ist der Bau des Trams vom Bahnhof SBB über den Heuwaage-Viadukt, weiter via Petersgraben und über die Johanniterbrücke zum Badischen Bahnhof, wie es eine Volksinitiative verlangt. Dies entlastet einige verstopfte Linien und bedient das Kleinbasel mit einer Schnellverbindung.

    Der Doppelschritt befreit Strassen und Plätze für Menschen: Von einem Tag auf den anderen wäre die oft beschimpfte «grüne Wand» in der Grossbasler Innenstadt Geschichte. Dazu kämen vier attraktive Plätze an zentraler Lage für einen Kostenbruchteil der Zürcher Utopie: Frisch erstrahlten Barfi und Marktplatz. Und Auferstehung feierten der Rüdenplatz (bei der alten Post) sowie der heute zerstückelte Fischmarkt. Schnell ginge das überdies, und auch daran hätte Ulrich Weidmann seine helle Freude.

    Das Herzstück der Regio S-Bahn mit der unterirdischen Station Marktplatz/Schifflände würde dieses System später komplettieren. Und gegen einen kurzen, langsamen Shopper-Shuttle auf alten Geleisen zwischen Barfi und Schifflände hätte auch niemand etwas einzuwenden.

  • Basel, werde erwachsen!

    Sabine Horvath, Chefin des Basler Stadtmarketings, wird sich an Pfingsten, beim Durchblättern der NZZ am Sonntag, schwer genervt haben. In einer «Liebeserklärung an das Santihans» (Deutsch: St. Johann-Quartier) des Heimwehbaslers Markus Städeli, bekommt Horvath schon im zweiten Abschnitt wie ein dummes Schulmädchen eins an die Ohren: «Wieso um Himmels willen vermarktet sich die attraktive Stadt am Dreiländereck so grottenschlecht?» Und dann folgt, wie üblich, das Speichellecken: «Bei meinen Besuchen am Rheinknie wird mir oft warm ums Herz.»

    «Wieso um Himmels willen vermarktet sich die attraktive Stadt am Dreiländereck so grottenschlecht?»

    Am gleichen Wochenende zitierte «Das Magazin» (welches auch der BaZ beiliegt) die Zürcher Modeschöpferin Sara Vidas mit der Aussage: «Seit ich vor einem Jahr die Ausbildung am Institut für Mode-Design in Basel abschloss und wegzog, vermisse ich diese warme, kleine Stadt am Rhein.»

    Was fällt auf? «Warm» ist die angesagte Eigenschaft Basels. Diese Wärme steht offenbar im Gegensatz zur Kälte, die andernorts herrschen muss. Was macht ein solcher Vergleich mit uns? Zunächst einmal: Er ruft Zustimmung hervor, vielleicht sind wir sogar ein wenig geschmeichelt. Oder gar berührt und dankbar. Da wir nicht die Grössten und Erfolgreichsten sein dürfen, so wenigstens die Wärmsten. Denn, so urteilt Städeli weiter, Basel «stagniert und verwaltet scheinbar nur noch das Erreichte». Immerhin nur «scheinbar» – vielen Dank!

    Wenn sich Zürcher Medien jährlich zur «Art» mit unserer Stadt befassen, macht sich stets eine gewisse Herablassung breit, genauer gesagt: eine wohlwollende Herablassung, weil die Autoren vom Thema eigentlich nicht viel verstehen. Ihr Ton ist ähnlich distanziert wie in Reportagen über leicht verschrobene Emmentaler Bräuche oder über das hilflose aber ernsthafte Streben Griechenlands nach einem ausgeglichenen Staatshaushalt.

    Der verbale Sirup, der jeweils zwischen den Zeilen heraustropft (auch in Griechenland ist es warm; die Emmentaler sind liebe Menschen), macht das Ganze nicht besser. Aber richtig schlimm ist der Basler Reflex, fremde Schmeicheleien wie Labsal aufzusaugen. Und dabei die Kritik zu übersehen, selbst wenn sie in Verachtung umschlägt: Laut Städeli «bereitet man sich in der Stadt am Rhein rund ums Jahr auf die nächste Fasnacht vor», anstatt, wie in Zürich, neue «Geschäftsmodelle, Gastrokonzepte und Modetrends» auszuprobieren.

    Ist wohl alles nur ironisch gemeint. «Alle Gastrokonzepte vorweisen, bitte!» Pfeifen wir auf solche «Liebeserklärungen»! Definieren wir unsere eigenen Ziele. Gerne stellen wir uns Vergleichen. Aber wir bestimmen in Zukunft selbst, mit wem und nach welchen Kriterien wir uns messen. Das Ende des Geschmeicheltseins ist der Anfang des selbstkritischen, weltoffenen Bewusstseins. Basel, werde erwachsen!

  • Hütet Euch vor Städte-Rankings!

    Urs Welten, Präsident der Laden-Lobby «Pro Innerstadt», hat es noch gar nicht realisiert: Basel ist zwar, gemäss dem jüngsten Städte-Rating der Wirtschaftszeitschrift «Bilanz», bei allen Beurteilungskriterien schlechter platziert als das führende Zürich, nicht jedoch in einem Punkt: der Einkaufsinfrastruktur. Hätten Sie das geahnt? Auch andere ignorieren bisher diese gute Botschaft der «Manager-Annabelle»: Zum Beispiel die Luxusausstatterin Trudie Götz, die in Basel nur zwei «Trois Pommes»-Boutiquen betreibt, in Zürich aber mindestens deren sechs. In dieselbe ignorante Klasse gehören alle mehrbesseren Baslerinnen und Basler, die samstags ihre Platin-Kreditkarte an die Limmat tragen, um Kleider, Kunst und Klunker zu posten. Warum schweifen sie in die Ferne, wenn das Gute doch so nahe liegt?

    Trois Pommes-Filiale in der Freien Strasse (Foto: Tino Briner)

    Oder ist es am Ende umgekehrt? Hat die in Erlenbach wohnhafte Baslerin Götz recht, die seit Jahrzehnten den Markt kennt und repräsentiert, und irrt hier die «Bilanz»? Nun, die Zeitschrift kann sich hinter der Immobilienagentur Wüest & Partner verstecken, welche das Städte-Ranking verantwortet. Wüest & Partner ist in der Welt der Hütten und Paläste, was Claude Longchamps Polit-Orakel «gfs.bern» für Wahlen und Abstimmungen bedeutet: Das Mass aller Dinge. Aber wie «gfs.bern» bei der Minarett-Initiative kann auch Wüest & Partner voll danebenliegen – wie etwa bei dieser urbanen Hitparade. Wie immer bei solchen Listen sind die Beurteilungsraster ausschlaggebend für das Resultat. Städte bloss durch die Brille des Immo-Hais zu betrachten, führt zu so absurden Resultaten wie der Überlegenheit Basels als Shopping-Metropole.

    Als Mekka für Konsum-Fetischisten – noch eine Länge vor Basel – zeichnet Wüest & Partner Spreitenbach aus. Also je mehr Spreitenbach, desto besser die Rangierung. So misst man heute Lebensqualität. Spreitenbach? – Nein danke! Städte sind mehr als eine Ansammlung von Häusern und Strassen, Läden, Renditen und Steuern, mehr als die Summe von Angeboten und Infrastruktur: Die Kriterien von Wüest & Partner sind von der gierigen Stadt geprägt, die sich langfristig selbst zerstört, weil jeder Winkel am Umsatz gemessen wird, der sich damit generieren lässt. Platz 9 ist wohl der beste in einem solchen Wettbewerb, der zum Beispiel um so mehr Punkte verteilt, je krasser eine Stadt wächst. Ein gemässigtes Wachstum, das weniger soziale Spannungen und geringere Umweltzerstörung nach sich zieht, ist jedoch einem Wachstumschaos vorzuziehen, wie es andere erleiden. Und doch ist der Platz 9 auch nicht so weit hinten, dass an der Prosperität Basels gezweifelt werden muss. Hütet Euch beim Ranking! Die Seele einer Stadt lässt sich mit solchen Statistiken nicht erfassen.

  • «Dieser Zug ist abgefahren!»

    Roger Köppel, bekannt als scharfer Hund auf der rechten Seite des journalistischen Spektrums, kam nach Basel und liess sich die Zähne ziehen. Letzten Sonntag partizipierte er an der wöchentlichen Diskussionssendung «Salon Bâle» des Lokalfern­sehens Telebasel. Dazu war er eingeladen worden, weil er sich nach Fukushima furchtbar enerviert hatte über die «kollektive Kernschmelze der Vernunft» von Politikern. Bei Talkgast Guy Morin lief Köppel mit dieser Kritik ins Leere: «Als einziger Behördenvertreter», schmunzelte der basel-städtische Regierungs­präsident, «demonstrierte ich heute von Amtes wegen.» Dabei blickte er verliebt auf den «Atomkraft? – Nein Danke!»-Protestknopf an seiner Brust: «Wir haben hier einen Verfassungsauftrag, uns gegen AKW zu wehren.» Köppel gestand Morin zu, dass er aufgrund demokratischer Entscheide nicht anders handeln konnte. Der Journalist attestierte dem Grünen überdies, den Atomausstieg nicht erst seit gestern zu planen. Morin legte nach: «Wir reduzieren in Basel-Stadt – im Gegensatz zur Schweiz – den Stromverbrauch bei gleichzeitig höchstem Wirtschaftswachstum.»

    So musste der «Weltwoche»-Chef sein Glück bei Sabine Pegoraro versuchen. Die freisinnige Baselbieter Polizeidirektorin hatte weniger Grund zur Coolness: Ihrer Partei warf Köppel «wahnsinnigen Opportunismus» vor. «Nüchtern betrachtet» hätten in Fukushima nur ein paar Dieselgeneratoren versagt. Und schon würde die FDP «im Affekt» jämmerlich kippen. In Morins Windschatten überzeugte Pegoraro den Zürcher Hardliner von der historischen Notwendigkeit des Atomausstiegs: «Wir könnten eine Wette abschliessen, Herr Köppel, wie es aussehen wird in zehn Jahren. Ich glaube, die nächste Abstimmung über die Verlängerung einer AKW-Betriebsbewilligung wird klar negativ herauskommen. Dieser Zug ist abgefahren!» Mit Sonnenstrom aus dem Süden und Windenergie aus dem Norden könne die Schweiz gut leben. Autarkie sei ohnehin nicht möglich.

    Mit seinem breitesten Lächeln zog sich ein sichtlich entwaffneter Köppel aus der Affäre: «Die guten Sachen setzen sich immer durch», schloss er, und: «Man muss aber auf die Schwachstellen der Argumentation hinweisen.» Darin waren sich alle einig. Dies war keine gewöhnliche Diskussion, sondern die überzeugende Rückkehr von Basler Inhalten in die nationale Politik. Die Tauglichkeit von Lösungsansätzen der Nordwestschweiz für zentrale Herausforderungen wie die Energie- und Klima­zukunft der Schweiz wird in diesen Tagen in politischen Gremien, auf Podien und in unzähligen Sendungen unter Beweis gestellt. Damit stehen die Chancen gut, dass es profilierten Köpfen aus der Region– wie schon in den 70er- und 80er-Jahren – wieder gelingt, die eidgenössische Agenda mit zu prägen.